"Bite komm. Bite. Bite."
Was Kinder wirklich wünschen
(Foto: Michael Kuhr)
Es war 1947.
Ein neunjähriges Mädchen aus dem pommerschen Bublitz schrieb auf einem Wunschzettel, verziert mit Tannenzweigen und roten Herzen, an den lieben Weihnachtsmann. Die Liste war lang – denn auf der Flucht nach Westdeutschland hatte Hanni von ihrem Spielzeug fast nichts mitnehmen können.
Ganz oben auf der Liste: Soldatenfiguren. Ganz unten: „Und einen Hund."
Es gab nichts zu heizen. Das Mädchen ging mit dem Mantel ins Bett. Und wünschte sich trotzdem – drauflos, unbescheiden, hoffnungsvoll.
Den Wunschzettel hat sie ihr Leben lang aufgehoben.
Vom Dankesbrief zum Wunschzettel
Dass Kinder überhaupt wünschen durften, war nicht immer selbstverständlich.
Um 1800 hießen die Blätter noch „Weihnachtsbriefe" – und hatten mit Wünschen nichts zu tun. Lehrer und Pfarrer formulierten die Texte vor. Die Kinder schrieben sie in Schönschrift ab: Dankesworte an die Eltern, Bitten um Gottes Segen. Ein Dank der Eltern an sich selbst, vom Kind zu Papier gebracht.
Erst um 1850 änderte sich das – unter kommerziellen Gesichtspunkten. Die deutsche Spielwarenindustrie, damals führend in der Welt, druckte Blätter, auf denen Kinder ihre Wünsche einfach ankreuzen konnten. Der Beginn des Wunschzettels, wie wir ihn kennen.
Um 1930 reimte ein Kaufhaus auf einem Briefwunschbogen: „Geh zu Karstadt, Nikolaus, und suche mir das Schönste aus."
Der Wunschzettel als Verkaufsinstrument. Nicht zum ersten Mal. Und auch nicht zum letzten. Leider.
Die Wunschzettel von heute
Nach vier Jahrzehnten kenne ich Wunschzettel gut. Aberhunderte sind bei mir verwahrt.
Viele Wunschzettel – egal ob von Jungen oder Mädchen – sind voller roter, gemalter Herzen.
Oft liegt noch ein selbst gemaltes Bild dabei: „Für den lieben Weinagsmann". Es kommt von Herzen. Und bleibt. Wie dieses von Leo.
Die Klassiker unter den Wünschen sind erstaunlich stabil geblieben: Lego, Playmobil, Puppen, Bücher, Fahrräder. Dazu kommen immer häufiger Wünsche, die selbst viele Eltern vor Rätsel stellen: In-Game-Währungen, App-Abos, bestimmte Skins in digitalen Spielen.
Die Kinder wissen genau, was sie wollen. Und sie wissen es früh.
Und dann gibt es die anderen Wünsche.
Die, die nicht in einem Katalog stehen. Die, die man nicht einpacken kann.
„Ich möchte, dass Oma wieder gesund wird."
„Ich wünsche mir mehr Zeit mit meinem Papa."
„Ich möchte, dass mein Hund nicht stirbt."
Kinder nehmen mehr wahr, als Erwachsene glauben. Und manchmal ist der Wunschzettel der einzige Ort, an dem sie es aussprechen dürfen.
Der Weihnachtsmann gehört für viele Kinder zu den beschützenden Figuren ihrer Kindheit. Er steht außerhalb des Alltags – und gerade deshalb innerhalb der Wahrheit.
Was Entwicklungspsychologen seit vielen Jahren beschreiben, erlebe auch ich immer wieder: Kinder nutzen diese magische Begegnung, um sich zu sortieren.
Was war gut?
Was hätte besser sein können?
Was wünsche ich mir – wirklich?
Das ist keine Naivität. Das ist Entwicklung.
Warum Kinder an den Weihnachtsmann glauben – und warum das gut so ist – ist in diesem Magazin an anderer Stelle eingeordnet.
Als die Wünsche anders wurden
In den Corona-Jahren schrieben Kinder Sätze, die ich nicht vergessen werde.
Dass alle gesund bleiben mögen. Dass die Schule wieder aufmacht. Dass man die Freunde endlich wiedersehen kann. Dass Corona aufhört.
Diese Kinder hatten gelitten – still, unsichtbar, oft ohne dass Erwachsene es wirklich wahrgenommen haben. Der Wunschzettel war für viele von ihnen der einzige Ort, an dem sie es sagen durften.
In den ersten Corona-Jahren waren nur ganz wenige Weihnachtsmänner unterwegs. Doch die wenigen – mit Hygienekonzept, Quarantäne und PCR-Test – waren dennoch da. Denn eines war klar: Kinder brauchen in schweren Zeiten keine Erklärungen. Sie brauchen Verlässlichkeit.
Dass der Weihnachtsmann da war – das allein zählte. Und gab vielen ein kleines Stück Sicherheit zurück.
Ein Mädchen wünschte sich in jenen Jahren einmal Schnee. Nicht für sich. „Damit es für alle wieder so schön wird wie früher." Diese Sehnsucht nach einer gemeinsamen, magischen Erfahrung hat sie nicht mehr losgelassen.
Ein Wunschzettel, der alles sagt
Und dann war da die Achtjährige, die mir in ihrer schönsten Schreibschrift – als einzigen Wunsch auf ihrem Wunschzettel – folgendes schrieb:
„Lieber Weinachzman, ich wünsche mir den Weinachzman persönlich. Bite komm. Bite. Bite."
Wer das liest, versteht, warum dieser Abend keinen Raum für Zufälle lässt.
Der Wunschzettel ist ein Spiegel seiner Zeit – gestern wie heute. Aber er ist noch mehr: Er ist ein Spiegel des Kindes. Ungeschützt, unkorrigiert, ehrlich.
Von 1800 bis heute hat sich vieles verändert. Das nicht.
