Ein Wunsch, größer als jedes Geschenk
Was ein Mädchen zu fragen wagte
© Günter Menzl
Manche Begegnungen kündigen sich nicht an.
Sie geschehen einfach – mitten im Trubel, mitten im Alltag. Oder auch mitten in der Adventszeit.
Und sie bleiben.
Ein Adventsnachmittag in Neumünster
Dezember 2017. Eine große Apotheke im Weihnachtsglanz. Lichterketten, Tannenzweige, Kinderstimmen. Ich stand im roten Mantel, begrüßte Familien, beschenkte Kinder.
Unter den vielen Besuchern fiel mir eine Mutter mit zwei Kindern auf – ein Junge von etwa acht Jahren und seine kleine Schwester, fünf Jahre alt. Sie waren bereits bei mir gewesen. Aber ihre Augen folgten mir weiter, während ich andere Kinder beschenkte.
Als der größte Andrang vorüber war, trat die Mutter erneut zu mir. Sie führte ihre Tochter an der Hand.
In ihrem Blick lag etwas Geheimnisvolles.
„Darf ich dich heiraten?"
Das Mädchen – nennen wir sie Claudia – trat vor mich.
Klein und zart. Aber mit funkelnden Augen.
Sie sah mich an. Holte tief Luft.
Und sagte: „Lieber Weihnachtsmann… darf ich dich heiraten?"
Es wurde still. Ein Moment, der alle Anwesenden innehalten ließ.
Ein Wunsch, der nicht verblasste
Die kindliche Ernsthaftigkeit, mit der sie ihren Wunsch vortrug, berührte mich tief.
In solchen Augenblicken spürt man, wie groß das Vertrauen ist, das Kinder in den Weihnachtsmann legen. Ein Vertrauen, das man mit Würde tragen muss.
Ich fragte sie, ob sie gut mit Rentieren umgehen könne. Ob sie den Wichteln Milchreis kochen würde. Ob ihr bewusst sei, dass es hoch oben im Norden oft bitterkalt ist.
Jede Frage wurde tapfer bejaht.
„Nun“, begann ich vorsichtig, „das ist ein sehr schöner Wunsch. Aber… zum Heiraten bist du jetzt noch etwas zu jung. Doch ich verspreche dir: Deinen Wunsch merke ich mir. Und ich freue mich sehr, dass du ihn mir heute so mutig erzählt hast.“
Claudia strahlte über das ganze Gesicht. Ihr Bruder nahm ihre Hand und hielt sie fest. Und die Mutter wischte sich, kaum sichtbar, eine Träne aus dem Augenwinkel.
Es war ein stiller, zarter Moment – ein warmer Lichtstrahl, der sich tief in meine Erinnerung brannte.
Eine Woche später
Ein weiterer Auftritt führte mich erneut nach Neumünster.
Der Wunsch des kleinen Mädchens war mir nicht aus dem Sinn gegangen.
Es war mir über den Veranstalter gelungen, in diesem ganz speziellen Fall die Adresse der Familie zu erhalten. Ein solcher Moment – so unschuldig, so herzlich – sollte für mich nicht einfach im Trubel der Adventszeit verblassen.
Nachdem ich die Eltern telefonisch erreichen konnte, besuchte ich Claudia zuhause.
Mitgebracht hatte ich eine Autogrammkarte.
© Der liebe gute Weihnachtsmann Claudius
Und – versehen mit einer sehr persönlichen Widmung – einen Sammelband mit den ersten drei Geschichten von Mauri Kunnas, darunter "Wo der Weihnachtsmann wohnt".
© Oetinger Verlag
Als Claudia den Band entgegennahm, leuchteten ihre Augen.
Manche Begegnungen kündigen sich nicht an.
Manche enden auch nicht.
Neujahr 2018
Am ersten Tag des neuen Jahres kam eine Nachricht aus jener Familie:
„Wir sind uns ziemlich sicher, dass wir ein Weihnachten wie noch nie erlebt haben. Durch den Heiratsantrag unserer Tochter wurde es nicht nur ein verzaubertes Weihnachten für uns, sondern bestimmt auch für Sie. Dieses Buch ist nun ein Familienerbstück – wer kann auch schon behaupten, ein Buch mit Widmung vom Weihnachtsmann zu haben."
Nein. Manche Begegnungen enden wirklich nicht.
