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09.07.2025 14:32

Jul i Juli
Weihnachten im Juli

(Foto: Rainer Kühl)


Es war einmal – und das ist wörtlich gemeint – ein dänischer Künstler namens Prof. Tribini. Der lud im Juli 1957 zehn Weihnachtsmänner in Bakken – dem ältesten Vergnügungspark der Welt bei Kopenhagen – zu Reispudding und einem dänischen Weihnachtsmenü ein.

Aus diesem Treffen entstand der World Santa Claus Congress – kurz WSCC.

Er ahnte vermutlich nicht, was daraus werden würde.


Aus zehn wurden hundertundzwanzig

Über die Jahrzehnte wuchs die Runde. USA. Kanada. Ganz Europa. Grönland. Sogar aus Japan, El Salvador und Venezuela waren Kollegen angereist. Die meisten kamen natürlich aus Dänemark – dort gibt es sogar eine eigene Weihnachtsmann-Gilde, die den WSCC mitorganisierte. Gefolgt von Norwegen und Schweden.

Und mittendrin: Claudius, der liebe gute Weihnachtsmann aus dem echten Norden.

Drei Tage im Juli. Volle Montur. Brennende Sonne.
Dabei bin überhaupt kein Freund großer Hitze.

Der WSCC war kein Kostümfest. Er war ein „ernsthafter" Kongress. Mit Tagesordnung, Abstimmungen und Protokoll.


Was Weihnachtsmänner im Juli besprechen

Die Themen waren von „höchster Relevanz":

Das Datum der Bescherung: 24. Dezember oder 6. Januar? – Die Zunft gespalten, Jahr für Jahr.
Eine EU-Verordnung zur Vereinheitlichung der Fußbekleidung. – Ernsthaft diskutiert.
Die Verteilung der Rentiere am Heiligabend. – Logistik auf höchstem Niveau.
Die Größe moderner Schornsteine. – Ein wachsendes Problem.
Freie Landebahnen für Rentier-Schlitten. – Nicht zu unterschätzen.
Der beste Weihnachts-Hering des Jahres. – Ebenfalls abstimmungswürdig.


Und 2008 – das Jahr, das in die „Kongressgeschichte" einging: Die Gewichtsfrage.
Diät abgelehnt – der guten Laune abträglich. Leibesübungen befürwortet.

Der finnische Weihnachtsmann boykottierte den Kongress wiederholt. Er bestreitet, dass der Weihnachtsmann ursprünglich aus Grönland stammt. Manche Überzeugungen sind stärker als Kollegialität.


Durch die Strøget – von Nyhavn bis zum Rathaus

Morgengymnastik um 9:30 Uhr. Tanz um den Weihnachtsbaum. Dann der Aufbruch.

(Foto: Rainer Kühl)


Der Weg von Bakken in die vierzehn Kilometer entfernte Innenstadt Kopenhagens wurde nicht zu Fuß zurückgelegt. Rote dänische Oldtimer-Feuerwehrfahrzeuge standen als Transportmittel zur Verfügung. Die Weihnachtsmänner oben drauf.

Der Fahrtwind half, die Wärme zu ertragen. Und der Verkehr machte Platz – ganz von selbst.

(Foto: Rainer Kühl)


Am Kongens Nytorv angekommen, ging es zu Fuß weiter. Mit Wichtelkapelle vorweg – Weihnachtslieder im Juli, mitten durch Kopenhagen. In der 1,2 Kilometer langen Strøget standen die Menschen bis zum Rathausplatz Spalier – rechts und links, spontan, lachend.

Das geht nur in Dänemark. Die Dänen sind entspannte Menschen, die für so manchen Spaß zu haben sind..

Entlang der Strøget wechselten Geschenke die Hände. Plüschbärchen. Lollys. Was immer die Weihnachtsmänner dabei hatten. Großeltern, Eltern, Kinder – alle staunten. Mitten im Juli.

(Foto:Rainer Kühl)


Anschließend Empfang beim Oberbürgermeister im Kopenhagener Rathaus. Und danach – mit ebensolchem „Tatütata" – zurück nach Bakken. Winkende Dänen überall: aus Autos, von Fahrrädern, von den Bürgersteigen. Kopenhagen verabschiedete seine Weihnachtsmänner herzlich.

Wie die Eltern ihren Kindern abends die Begegnung erklärt haben, weiß ich bis heute nicht. Ich hoffe, sie haben es einfach gelassen.


Füße im Wasser, Bärte im Wind

Und am nächsten Morgen: Das obligatorische Fußbad in der Ostsee am Bellevue Strand – zehn Kilometer nördlich der Stadt. DER Termin für TV-Teams und Fotojournalisten aus aller Welt. 120 Weihnachtsmänner, Hosen hochgekrempelt, Füße im Wasser, Bärte im Wind.

Einige hatten die Szene bereits vorbereitet: Badeanzüge, wie man sie aus alten Badepostkarten kennt – rot-weiß geringelt, wadenlang. Die Fotojournalisten am Strand waren begeistert. Zu Recht.

Ende Juli. Kein großes Nachrichtenangebot. Redaktionen auf der Suche nach leichten, bildstarken Geschichten. Und dann: 120 Weihnachtsmänner im Fußbad. Das Sommerloch hatte seinen König gefunden.

Der Kollege aus Japan hatte übrigens seinen eigenen Fotografen mitgebracht. Im Rentier-Kostüm. Mit japanischem Fächer. Man war vorbereitet.

(Foto: Rainer Kühl)


Aber es gab auch einen stillen Moment.

Ein Besuch in der Kinderklinik Rigshospitalet – mit Geschenken. Leise, ohne Programm, ohne Kameras.


Was der Kongress wirklich war

Zwischen Reispudding, Rentierlogistik und Schornsteindebatte gab es etwas, das sich nicht auf einer Tagesordnung findet.

120 Menschen, die dieselbe Figur tragen – mit unterschiedlichen Sprachen, Traditionen und Kostümen. Und die verstehen, was das bedeutet.

Man tauschte Erfahrungen aus. Sprach über Kinder, über Familien, über Augenblicke voller Glück, die einen nicht loslassen. Abends, in Zivil, bei sommerlicher Wärme, das Kostüm endlich abgelegt. Mit dem guten Gefühl, sich unter Gleichgesinnten verstanden zu wissen – denn die meisten arbeiten allein.

Umso schmerzlicher war es für viele, als der WSCC die Pandemie nicht überlebte.

Das Motto in Bakken lautete: Jul i Juli – übersetzt: Weihnachten im Juli. Es traf es genau.

Weihnachten ist keine Saison. Es ist eine Haltung. Wer das einmal verstanden hat – in voller Montur, schwitzend, lachend, mit Füßen in der Ostsee – vergisst es nicht mehr.