Heiligabend
Was dieser Abend verlangt und zurückgibt
© Opolja
Es gibt einen Moment vor dem 24. Dezember, den ich nahezu jedes Jahr kenne. Zumeist zwei, drei Tage vorher.
Ein Anruf. Eine Nachricht. Eine Stimme, die versucht, ruhig zu klingen, es aber nicht ganz schafft.
Wenn der Weihnachtsmann absagt
Ich verstehe, was in diesem Moment passiert. Die Vorbereitungen, die Geschenke, die Kinder, für die oft das persönliche Erscheinen des Weihnachtsmannes der größte Wunsch auf ihrem Wunschzettel ist. Und plötzlich – eine Lücke, wo Magie sein sollte.
Manchmal liegt es an Krankheit. Manchmal daran, dass jemand seine Schlittentour neu sortiert hat – und dabei Familien herausgefallen sind, die logistisch nicht mehr passen.
Was dann folgt, ist manchmal schwer auszuhalten. Manche Familien verlieren die Fassung. Die Anrufe häufen sich. Die Nachrichten werden dringlicher. Manche flehen. Manche verstehen nicht, warum ein Weihnachtsmann nein sagen kann.
Er kann. Und manchmal muss er es.
Auch wenn mir dabei – vor allem ob der Kinder – das Herz bricht.
Ein Wunschzettel, der alles sagt
Eine Achtjährige schrieb mir einmal in ihrer schönsten Schreibschrift – als einzigen Wunsch auf ihrem Wunschzettel:
„Lieber Weinachzman, ich wünsche mir den Weinachzman persönlich. Bite komm. Bite. Bite."
Wer das liest, versteht, warum dieser Abend keinen Raum für Zufälle lässt.
Wenn das Wetter mitspricht
Der 24. Dezember ist kein Abend für Improvisation. Er ist vorbereitet – bis ins letzte Detail.
Das Wetter entscheidet mit – ob man es will oder nicht.
Gefrierender Regen. Sturm. Schneeverwehungen. In über 40 Jahren habe ich am 24. Dezember vieles erlebt. Die Natur kennt keinen Kalender – und keinen Terminplan.
Ohne Zeitpuffer geht das nicht.
Deshalb bleiben die Touren an diesem Abend kurz. Und nah.
Ein anderer Weg
Nicht den geplanten – aber einen anderen Weg. Einen, bei dem der Weihnachtsmann zwar nicht an der Tür steht, aber trotzdem erscheint – in einer persönlichen Videobotschaft. Mit dem Goldenen Buch auf dem Schoß. Und jedem Namen, den er kennt.
Gewiss: Es ist nicht dasselbe.
Aber manchmal ist es genau das, was ein Kind braucht – um zu wissen, dass er an sie gedacht hat.
Manche dieser Botschaften liegen am Heiligabend als USB-Stick unter dem Weihnachtsbaum. Nicht als Geschenk – sondern als Erinnerung. An einen Abend, an dem der Weihnachtsmann nicht kommen konnte. Aber trotzdem da war.
Nach dem letzten Auftritt
Der Schlitten steht. Die Stiefel werden ausgezogen, der Mantel kommt auf den Kleiderhaken.
Und dann steht da eine große Tasche – mit Geschenken. Für den Weihnachtsmann. Und seine Rentiere.
Honig aus der eigenen Imkerei. Eine Flasche selbst gemachten Eierlikörs. Selbst geräucherter Lachs. Walnüsse aus dem eigenen Garten. Wurst. Feinste Schokoladen. Sehr gute Weine. Tee. Weihnachtsgebäck, von den Kindern gebacken.
Und in einer weiteren Tasche – manchmal eingepackt, oft extra beschriftet – kleine Basteleien und liebevoll gemalte Bilder der Kinder.
Auch: Für den Weihnachtsmann.
Immer wieder eine Freude. Seit über 40 Jahren. Sie erinnern mich daran, wofür dieser Abend steht.
Füße hoch – mit tiefer Dankbarkeit und ehrlicher Erschöpfung. Endlich ausatmen.
