„Mama, gibt es den Weihnachtsmann wirklich?"
Was Fachleute generell anraten
© Konstantin Yuganov
Es gibt Fragen, die Kinder stellen – und Eltern immer wieder überraschen. Diese hier kommt verlässlich, irgendwann zwischen Advent und Heiligabend:
„Mama, gibt es den Weihnachtsmann wirklich?"
Was Kieler Fachleute Eltern raten – hier sind ihre Antworten.
Svenja Lüthge, Dipl-Psychologin
Die Kieler Diplom-Psychologin Svenja Lüthge steht seit 2005 Medien wie NDR, ZDF, ARD, RTL und SAT1 als Expertin zur Verfügung.
„Besonders im Kindergartenalter ist der Weihnachtsmann eine ganz wichtige Figur", erklärt sie. Bis etwa zum sechsten Lebensjahr können Kinder noch nicht richtig zwischen Vorstellung und Realität unterscheiden. In ihrer Welt ist der Weihnachtsmann ein Teil der guten Mächte – er wacht über sie, beschützt sie. Er trägt dazu bei, gut und böse, richtig und falsch zu unterscheiden.
Wenn die berühmte Frage kommt, rät Lüthge zu einem differenzierten Umgang. Gibt es in der Familie noch kleinere Kinder, empfiehlt sie:
„Dann können Erwachsene sagen, dass diese Frage niemand so ganz genau beantworten kann, weil es keine Beweise gibt. Doch sie selbst würden an ihn glauben und ihm deshalb auch immer einen Wunschzettel schicken."
Eines betont sie ausdrücklich: Drohungen haben in diesem Zusammenhang nichts verloren. „Gerade an einem so wichtigen Tag sollte man die Kinder nicht enttäuschen."
Und wenn Kinder irgendwann begreifen, dass sie an eine Fantasiefigur geglaubt haben?
„Kinder werden an die schönen Momente denken, in denen sie Wunschzettel und Briefe an den Weihnachtsmann geschrieben oder ihn sehnsüchtig erwartet haben. Das schadet ihnen nicht und nimmt Eltern nichts von ihrer Glaubwürdigkeit."
Michael Hülsmann, Dipl.-Sozialpädagoge
Der Kieler Diplom-Sozialpädagoge Michael Hülsmann betreibt seit vielen Jahren eine pädagogisch-therapeutische Praxis.
Der Glaube der Kinder an den Weihnachtsmann ist für ihn kein Irrtum – er ist Entwicklungsraum. Für Kinder ist Sichtbares wie Unsichtbares in gleicher Weise Realität. Fantasie, Erfindungsgabe und Vorstellungsvermögen sind unerlässlich für die gesunde Entwicklung.
Das magische Denken beginnt bereits mit etwa 18 Monaten. Mit drei Jahren können Kinder Fantasie und Realität unterscheiden – aber der überzeugte Glaube an Figuren wie den Weihnachtsmann verschwindet erst mit sieben oder acht Jahren. Meist von ganz alleine.
„Um sich gesund zu entwickeln, brauchen Kinder neben körperlicher Pflege auch Nahrung für die Seele – und die finden sie in Fantasiewelten."
Birgit Brouër, Pädagogik-Professorin
Prof. Dr. Birgit Brouër ist Direktorin des Institut für Pädagogik an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.
In einer veröffentlichten Stellungnahme hält sie fest: Der Weihnachtsmann stehe – nicht nur bei Kindern – für Glaube, Liebe, Hoffnung und Licht. Er beflügle die Vorstellungskraft. Er öffne Räume, die die Realität allein nicht öffnen kann.
Und sie benennt eine Tendenz, die sie kritisch beobachtet: Viele Eltern nehmen ihren Kindern heute zu früh die Kindheit weg. Das Ziel der Mündigkeit ist wichtig – aber Kinder brauchen auch Schutz. Schutz vor einer Realität, für die sie noch nicht bereit sind.
„Es ist wichtig, diesen Zauber eine Weile zu erhalten."
Weihnachtsmann Claudius
Weihnachtsmann Claudius ist seit über vier Jahrzehnten als professioneller Weihnachtsmann tätig – Vorstandsmitglied im Netzwerk Weihnachten e. V. und Träger des Gütesiegels „Dem Ehrenkodex des Weihnachtsmannes verpflichtet".
Als Vater zweier Kinder weiß ich, dass diese in ihrer Kindheit auch Magie brauchten. Und daher muss es auch Weihnachten und den Weihnachtsmann geben. Denn die pure Rationalität hilft ihnen nicht, mit den oft unvorhersehbaren Wendungen des Lebens zurecht zu kommen.
Umso unverständlicher ist es für mich, wenn allzu rationale Eltern meinen, ihren kleinen Kindern ständig ihre „Nüchternheit" aufdrängen zu müssen. Sie vergessen dabei, dass Kinder eigene Augen haben, die Dinge zu sehen.
„We believe", so heißt es in dem US-amerikanischen Weihnachtsfilm „Das Wunder von Manhattan". Diesen wundersamen Zauber rund um den Weihnachtsmann, seine Rentiere und Wichtel, jenseits weihnachtlichen Kommerzes, für Kinder – so lange wie möglich – zu erhalten, betrachte ich nicht als Job, sondern – so merkwürdig es auch klingen mag – fast schon als eine Art Berufung. Für viele professionelle Kollegen gilt dies ganz sicher ebenso.
Welch einen Respekt selbst ältere Kinder der Figur entgegenbringen, zeigt sich auch darin, dass ältere Geschwister den jüngeren fast nie die Wahrheit sagen wollen. Ganz im Gegenteil – als „Wissende" spielen sie den jüngeren zuliebe gerne mit. Was viele Eltern dabei übersehen: Genau das ermöglicht es, dass der Weihnachtsmann späterhin auch noch zu jüngeren Geschwisterkindern kommen kann.
Dabei hat die Wahrung meines Inkognitos als der liebe gute Weihnachtsmann Claudius – auch außerhalb dieser glaubwürdig gelebten und geliebten Rolle – eine höhere Wertigkeit als mediale Präsenz, häufig verbunden mit dem Wunsch nach einem „Blick hinter die Kulissen", den ich nur bedingt erlaube.
Kinder sehen die Welt mit anderen Augen. Sie brauchen Märchen. Magie. Fantasie.
Wer ihnen diesen Raum zu früh nimmt, nimmt ihnen etwas, das sich nicht zurückgeben lässt.
